Ein Interview mit Mrs. Jakobi über den Russischunterricht
Wie bist du mit der russischen Sprache in Kontakt gekommen – und wo unterrichtest du heute?
Ich bin mit der russischen Sprache aufgewachsen, sie gehört wie Deutsch zu meiner Muttersprache. Geboren wurde ich in Kasachstan, wo Russisch – historisch bedingt durch die Sowjetunion – von nahezu allen Menschen gesprochen wird. Meine Eltern haben mir die Sprache von klein auf beigebracht: sprechen, lesen, schreiben. Als ich vier Jahre alt war, sind wir als deutsche Spätaussiedler nach Hamburg gezogen, und dort habe ich meine sprachlichen und kulturellen Wurzeln weiter gepflegt und tue es immer noch, denn die russische Sprache und Kultur spielen auch weiterhin in meiner Familie sowie mittlerweile auch in meinem Beruf eine wichtige Rolle.
Heute unterrichte ich Russisch in Hamburg – und ich bin sehr dankbar dafür, dass meine Schule dieses Fach fest im Angebot hat. So habe ich die Möglichkeit, meine Muttersprache an interessierte Schüler*innen weiterzugeben: sowohl an diejenigen, die Russisch völlig neu lernen möchten, als auch an diejenigen, die ihre Herkunftssprache erhalten und weiterentwickeln wollen.
Welchen Stellenwert hat Russisch – und wie ordnest du Fremdsprachen allgemein ein?
In unserer Gesellschaft genießen einige Fremdsprachen traditionell einen höheren Stellenwert als andere. Französisch und Spanisch werden an vielen Schulen selbstverständlich angeboten, während Sprachen wie Russisch, Türkisch oder Polnisch seltener im Curriculum auftauchen. Gerade deswegen empfinde ich es als besonders wertvoll, dass meine Schule Russisch integriert hat. Es erweitert nicht nur das Sprachenangebot, sondern setzt auch ein wichtiges Zeichen für sprachliche Vielfalt und Anerkennung von Herkunftssprachen.
Wie ist die Nachfrage nach Russisch – und wer besucht deine Kurse?
Unsere Kurse sind im Vergleich zu anderen Fächern eher klein – meist etwa um die zwölf/fünfzehn Schüler*innen –, aber gerade das macht sie sehr persönlich und effektiv. Bei uns gibt es keinen getrennten Unterricht für Herkunftssprecher*innen und Fremdsprachenlerner*innen. Beide Gruppen lernen gemeinsam, was sehr bereichernd ist: Die Schüler*innen profitieren enorm voneinander, und es entstehen authentische Sprachbegegnungen im Klassenzimmer. Für mich als Lehrkraft bedeutet das natürlich viel Diagnostik und Differenzierung, aber auch unglaublich viel Freude und lebendige Unterrichtsmomente.
Seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine leben viele ukrainische Schüler*innen in Deutschland, die häufig Russisch als Familien- oder Alltagssprache sprechen. Viele von ihnen wählen das Fach, um ihre sprachlichen Fähigkeiten zu erhalten, weiter auszubauen oder um einfach einen Raum zu haben, in dem sie ihrer Muttersprache begegnen können.
Auf deinem Eduki-Profil findet man viel Material für den Russischunterricht. Warum stellst du dieses bereit?
Ich erstelle sehr gerne Materialien für den Russischunterricht – nicht nur für meinen eigenen Gebrauch, sondern auch, um andere Lehrkräfte zu unterstützen. Das Angebot an qualitativ hochwertigem russischsprachigem Unterrichtsmaterial ist leider noch relativ klein, da es auch ein kleines Fach ist. Wenn ich ohnehin Arbeitsblätter, Übungen oder kreative Aufgaben entwickle, möchte ich sie auch anderen zur Verfügung stellen und so zur Entlastung im Schulalltag beitragen. Deshalb biete ich vieles auch kostenfrei an: Mir ist wichtig, echten Mehrwert zu schaffen und die Sichtbarkeit des Fachs zu stärken.
Warum sollten Schüler*innen Russisch wählen?
Russisch ist eine unglaublich poetische, melodische und vielschichtige Sprache. Für Herkunftssprecher*innen ist der Unterricht eine wunderbare Möglichkeit, ihre Sprachkompetenzen auszubauen, ihre Schriftsprache zu stärken und Zugang zu Literatur und Kultur in der Originalsprache zu erhalten. Auch für ihre Identitätsentwicklung kann das eine wichtige Rolle spielen.
Fremdsprachenlerner*innen wiederum zeigen oft bemerkenswerte Motivation und Mut. Obwohl Russisch im gesellschaftlichen Ranking nicht denselben Stellenwert hat wie Englisch, Französisch oder Spanisch, entscheiden sie sich bewusst dafür – und beherrschen die Sprache am Ende meist erstaunlich sicher. In unserer zunehmend mehrsprachigen Welt ist Russisch außerdem eine Sprache mit großer Relevanz: Viele ukrainische Menschen sprechen Russisch, und gerade in den letzten Jahren hat sich gezeigt, wie hilfreich es sein kann, ihnen im Alltag oder in professionellen Situationen sprachlich begegnen zu können.
Mehrsprachigkeit ist immer ein Gewinn. Ich selbst habe schon in der Schule mehrere Fremdsprachen gelernt, weil mich die Möglichkeit begeistert hat, Menschen in ihrer eigenen Sprache begegnen zu können. Und genau diese Erfahrung möchte ich auch meinen Schüler*innen ermöglichen.
Mrs. Jakobi
Ich bin 28 Jahre alt, Mama einer zweijährigen Tochter und Referendarin – zwei große Rollen, die mich täglich fordern und erfüllen. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen begleitet mich schon lange: Angefangen habe ich als Nachhilfe- und Tanzlehrerin, später folgte das Lehramtsstudium und ein mehrjähriger Lehrauftrag. Meine Fächer sind Englisch und Russisch – und beide liegen mir sehr am Herzen. Besonders glücklich macht es mich, meine Herkunftssprache Russisch unterrichten zu dürfen, während mich die englische Sprache durch ihre Vielfalt und Ausdruckskraft immer wieder fasziniert.
Geboren in Kasachstan und seit meinem vierten Lebensjahr in Hamburg zu Hause, verbinde ich verschiedene kulturelle Perspektiven in meinem Unterricht. Neben der Schule liebe ich es, Unterrichtsmaterial zu erstellen – gerade im Fach Russisch, für das es online noch viel zu wenig Material gibt. Auf meinem Eduki-Account teile ich deshalb regelmäßig Ideen und Materialien zur Inspiration. Wenn ich gerade nicht unterrichte oder Materialien entwickle, tanze ich, lese Bücher oder gehe gerne im Wald spazieren.