Die Stärken des Kunstunterrichts

"In einer zunehmend digitalen Welt ist das Arbeiten mit echten Materialien wie Ton, Papier, Holz, Farbe für manche Kinder eine ganz neue Erfahrung."

Hallo, ich bin Severine und ich arbeite als freischaffende Künstlerin. Ich habe an verschiedenen Institutionen als Kunstlehrkraft gearbeitet, unter anderem als Dozentin an einer Kunsthochschule, an Museen und seit einiger Zeit auch an einer Grundschule. Am meisten Freude bereiten mir im Kunstunterricht die wunderschönen Kunstwerke der Kinder, die ich gerne direkt in ein zeitgenössisches Museum packen möchte! 


Kunstlehrer*innen zeigen nicht nur, wie man malt. Sie zeigen, wie man fühlt, denkt, träumt. Dieses Zitat haben wir auf deinem Profil gefunden. Was genau meinst du damit? 

Als Kunstlehrerin bringe ich den Kindern natürlich bei, wie man mit Stift, Schere, Farbe und anderen Materialien umgeht. Sie sollen lernen, die Werkzeuge des Kunstunterrichts sicher und kreativ einzusetzen. Es geht dabei jedoch nicht darum schön malen zu lernen. Mir ist beim Unterrichten sehr wichtig, dass Kinder lernen, sich durch ihre Kunst auszudrücken. Indem sie ihre Gedanken und Gefühle in ihren Werken sichtbar machen, entwickeln sie Selbstbewusstsein. Und sie lernen auch: Alle Kinder sind unterschiedlich. Das zeigt sich in der Vielfalt der Bilder, auch wenn alle die gleiche Aufgabenstellung bekommen haben. Dadurch lernen die Kinder Empathie und Respekt vor der Einzigartigkeit eines jeden. Ich mag besonders Arbeitsaufträge, die einen groben Rahmen vorgeben, aber viel Raum für Kreativität lassen. Der Fantasie sollen keine Grenzen gesetzt sein. Als ich angefangen habe zu unterrichten, dachte ich, Kinder sprühen von Natur aus vor Fantasie. Bis ich merkte, dass es auch meine Aufgabe ist, sie zu fördern. Daher auch der Name „fantasiebeauftragte“: Wir Kunstlehrer*innen sind dafür zuständig, die Fantasie lebendig zu halten. 

Welche Stärken siehst du im Kunstunterricht?

Am Kunstunterricht ist es einzigartig, dass es kein richtig oder falsch gibt. Das gilt natürlich nur so lange niemand von bestimmten Darstellungen verletzt wird. Durch diese Offenheit können Kinder lernen, die Welt nicht nur in Schwarz und Weiß einzuteilen. Eine weitere wichtige Stärke des Kunstunterrichts ist die fehlende Sprachbarriere. Es ist eine Sprache, die universell verständlich sein kann und von der sich kein Kind ausgeschlossen fühlen muss. 

Wie schätzt du den Stellenwert von Kunst im Schulalltag für Schülerinnen und Schüler heutzutage ein?
 

Ich denke Kunstunterricht ist wirklich sehr wichtig und gleichzeitig wird er oft unterschätzt. Dabei sehe ich immer wieder, wie Kinder im Kunstunterricht richtig aufblühen. Sie kommen in Kontakt mit Materialien, die sie teilweise gar nicht kennen. In einer zunehmend digitalen Welt ist das Arbeiten mit echten Materialien wie Ton, Papier, Holz, Farbe für manche Kinder eine ganz neue Erfahrung. Sie lernen dadurch, wie es ist, etwas Eigenes zu gestalten, das man anfassen kann. Dadurch lernen sie ihren Körper und sich selbst in Bezug zur Umwelt kennen. Kunstunterricht ermöglicht außerdem Begegnung: Kinder lernen voneinander, schauen sich gegenseitig ihre Werke an und entdecken Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Ich glaube, dass gerade darin eine große Chance liegt. Kunst kann Schule lebendiger und demokratischer machen. 

Oft müssen Klassenlehrkräfte Kunst fachfremd unterrichten. Hast du einige Tipps aus der Praxis, wie sie dies angehen könnten?
 

Keep it Simple! Die Aufgabenstellungen sollten nicht zu kompliziert sein und dein Material richtig gut vorbereitet und strukturiert. Mir hat es sehr geholfen mich auf eduki umzuschauen und mich an erfahrenen Lehrkräften zu orientieren. Auch auf Pinterest gibt es sehr schöne Ideen, die einfach umsetzbar sind. Was für Kinder während des Unterrichts wirklich wichtig ist, ist Mut zuzusprechen. Sie sind sehr selbstkritisch und denken oftmals, Ziel des Kunstunterrichts ist es, schön malen zu können.